Als das Internet zum Albtraum wurde: Die Erinnerung an den Dotcom-Crash
Am 24. März 2000 erreichte der S&P 500 Index einen Höchststand, der erst sieben Jahre später, im Jahr 2007, wieder übertroffen werden konnte. Nur drei Tage später markierte der technologieorientierte Nasdaq 100 Index ebenfalls ein Allzeithoch, das er sogar für mehr als 15 Jahre nicht mehr erreichen sollte. Diese Höchststände markierten den Wendepunkt einer beispiellosen Aufwärtsbewegung, die mit dem spektakulären Börsengang von Netscape Communications im August 1995 begonnen hatte. Damals entstand eine Euphorie, die vor allem auf die neue Technologie des Internets setzte. Einige dieser Unternehmen nutzten die Hysterie aus, indem sie ihrem Namen ein ".com" hinzufügten, um Aktien an die Öffentlichkeit zu verkaufen. In einigen Fällen stellten sich die ausgewiesenen Umsätze als reine Fiktion heraus. Als im März 2000 die Kurse zu fallen, begannen und eine Verkaufswelle einsetzte, brach der Markt in sich zusammen.
Die Erinnerung an diese Zeit ist für ältere Anleger, insbesondere in Deutschland, mit schmerzhaften Verlusten verbunden. Namen wie EM.TV, Kabel New Media, Intershop, Gigabell, Comroad und Pixelpark, die einst als Börsenlieblinge des Neuen Marktes galten, sind heute ein mahnendes Beispiel für die Gefahren übertriebener Gier auf Anleger- und Unternehmerseite. Der tatsächliche Wert der Firmen beschränkte sich häufig auf Gebäude und ihre IT-Ausstattung.
KI-Träume und die Herausforderung der KI-Dominanz: Ein Weckruf aus China
Die Einführung des KI-Chatbots ChatGPT im November 2022 markierte einen Wendepunkt. Dieser Durchbruch löste einen beispiellosen Hype um KI-Technologien aus, der die Börsen beflügelte. Doch nach anfänglichen Höhenflügen im Jahr 2024 zeigten sich in den letzten Wochen Anzeichen einer Abkühlung. Dies schürte die Angst vor einer möglichen Überbewertung des Marktes und weckte Erinnerungen an die gefährlichen Exzesse der Dotcom-Ära.
Die jüngste Präsentation eines hochentwickelten Chatbots namens DeepSeek, entwickelt in China, verdeutlichte auf dramatische Weise die Fragilität der aktuellen Marktführerschaft im Bereich der Künstlichen Intelligenz (KI). Die Ankündigung löste eine spürbare Verunsicherung an den Börsen aus, insbesondere bei Aktien von Nvidia, die einen Wertverlust von 589 Milliarden Dollar erlitten. Die Befürchtung, dass kostengünstigere KI-Modelle die Nachfrage nach spezialisierter Computerhardware dämpfen könnten, führte zu einem Kurssturz. Für Anleger war dies ein deutlicher Hinweis darauf, dass die Vorherrschaft im KI-Sektor keineswegs in Stein gemeißelt ist.
Die beunruhigenden Parallelen
Es gibt in der Tat erschreckende Parallelen zwischen der damaligen Zeit und der heutigen Situation. Sowohl damals als auch heute herrscht eine starke technologische Euphorie, die von dem unerschütterlichen Glauben an die revolutionäre Kraft einer neuen Technologie getragen wird. Die Überzeugung, dass KI oder das Internet alles verändern werden, führt zu übertriebenen Kursgewinnen und einer gefährlichen Überbewertung vieler Unternehmen. Der sogenannte FOMO-Effekt (Fear of Missing Out) verstärkt diesen Trend noch, da Anleger aus Angst, eine lukrative Gelegenheit zu verpassen, ohne gründliche Analyse in den Markt stürzen.
Auch die Zinsentwicklung weist beunruhigende Ähnlichkeiten auf. Hohe Inflationsraten und die Sorge vor einer Überhitzung der Wirtschaft führten im Jahr 2000 zu steigenden Zinsen – eine Situation, die sich 2023 wiederholte. Obwohl die US-Notenbank inzwischen Zinssenkungen eingeleitet hat, bleibt das Zinsniveau im Vergleich zu den Jahren vor dem KI-Boom hoch.
Die beruhigenden Unterschiede
Glücklicherweise gibt es auch Faktoren, die gegen einen erneuten Crash sprechen. Die KI-Branche ist global aufgestellt, wie das chinesische KI-Modell DeepSeek-R1 eindrucksvoll beweist. Dies deutet darauf hin, dass der Boom nicht auf einzelne Märkte beschränkt ist und somit weniger anfällig für eine regionale Überhitzung ist.
Zudem profitiert der Markt von massiven staatlichen Investitionen, wie den geplanten Infrastrukturprojekten in Europa. Die Kursverluste an den US-Börsen könnten daher eher auf eine strategische Umschichtung von Portfolios zurückzuführen sein, bei der Anleger ihre Gelder breiter streuen, um Risiken zu minimieren.
Ein wesentlicher Unterschied liegt in der Art der Unternehmen, die den Boom antreiben. Während die Dotcom-Blase von spekulativen Investitionen in unrentable Startups getrieben wurde, konzentriert sich der KI-Boom auf etablierte Technologiekonzerne mit soliden Geschäftsmodellen und beeindruckenden Gewinnmargen.
Die Lehren aus der Vergangenheit
Heute, im Zeitalter der KI, müssen Anleger aus diesen Fehlern lernen. Eine sorgfältige Analyse der Fundamentaldaten ist unerlässlich, um zwischen vielversprechenden Unternehmen mit echtem Potenzial und bloßen Hype-Objekten zu unterscheiden. Es reicht nicht aus, sich von der Begeisterung für KI-Technologien mitreißen zu lassen. Stattdessen ist eine kritische Bewertung der Geschäftsmodelle, Umsatzprognosen und Wettbewerbsvorteile der Unternehmen erforderlich.